Freitag, 14. Oktober 2016

Neuerscheinung am 15.10.2016 - "Rocker Dämon- Dead Riders 1 "Ace von Bärbel Muschiol

 Neuerscheinung am 15.10.2016


Prolog 

Amy Meine Instinkte verraten mir, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis mir die Scheiße um die Ohren fliegt. Auch wenn mein Vater, Billy, mir andauernd erzählt, dass alles gut ist, bedeutet das noch lange nicht, dass ich ihm das auch glaube. Vor knapp drei Monaten habe ich eine abgewetzte Spielkarte an der Eingangstüre des ‚Maggie’s‘ gefunden. Das Pik-Ass wurde mit einem schwarzen Dolch in das verwitterte Holz der Türe gerammt. Auch ohne den darauf abgebildeten Totenkopf habe ich sofort begriffen, dass das eine Warnung sein sollte. Billy ist ein toller Kerl, aber als Vater hat er nicht gerade eine Glanzleistung hingelegt. Als meine Mutter Maggie kurz nach meinem dritten Geburtstag an Lungenkrebs gestorben ist, hat ihn das ziemlich aus der Bahn geworfen. Ganz am Anfang war ich zu klein, um zu verstehen, was los ist, aber als ich dann älter geworden bin, war es offensichtlich. Anstatt sich um das ‚Maggie’s‘, unsere Kneipe, zu kümmern, hat er angefangen zu trinken und die Tageseinnahmen in dubiosen Casinos oder illegalen Pokerturnieren zu verspielen. In den vergangenen zehn Jahren gab es immer wieder gute und mal schlechte Zeiten, doch so schlecht, wie es momentan läuft, war es noch nie. Die Kneipe läuft super, es sollte also nicht das Problem sein, die offenen Rechnungen zu bezahlen und ein anständiges Leben zu führen, doch es wird zum Problem, wenn der eigene Vater das Geld schneller verliert, als es erarbeitet werden kann. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis unsere Lieferanten ihre Lieferungen stoppen. Von den letzten einhundert Dollar habe ich die Stromrechnung beglichen, jetzt bin ich pleite. Früher war es immer mein Traum, die Welt zu bereisen, einen tollen Mann zu finden und glücklich zu werden. Heute träume ich nur noch davon, irgendwie zu überleben. Der Typ, der seit knapp einer Stunde an der Bar sitzt und seinen mittlerweile verschwommenen Blick an meinem Ausschnitt festgetackert hat, bestellt sein nächstes Bier. Routiniert halte ich ein frisches Glas unter den Zapfhahn, doch es kommt nur ein leises Gurgeln und jede Menge Schaum raus. Fluchend schmeiße ich das Handtuch auf den Tresen, drehe mich um und steige die Stufen in den Keller runter. Im Kühlraum angekommen zapfe ich ein neues Bierfass an und gönne mir eine kurze Verschnaufpause. Vielleicht sollte ich aufhören zu kämpfen, vielleicht wäre es das Beste, wenn ich meinen Vater einfach in sein Unglück rennen lasse. Ab dem Augenblick, in dem ich aufhöre mich aufzuarbeiten, wird es keine Tageseinnahmen mehr geben, und ohne die Einnahmen hat mein Vater auch kein Geld mehr, das er verspielen kann ... Eigentlich ganz einfach, aber eben nur eigentlich. Denn ich bringe es einfach nicht übers Herz, das ‚Maggie’s‘ aufzugeben.

Ich weiß, dass es totaler Schwachsinn ist, aber es fühlt sich so an, als würde ich meine Mutter verraten. Das ‚Maggie’s‘ ist nicht nur nach ihr benannt, sondern sie hat diese Kneipe auch mit meinem Vater zusammen eröffnet. Das ‚Maggie’s‘ ist alles, was mir von ihr geblieben ist, und ich kann es einfach nicht untergehen lassen. Seufzend stehe ich wieder auf, gehe kurz auf die Toilette und betrachte mich im Spiegelbild. Die vergangenen Monate haben sichtbare Spuren an mir hinterlassen. Dank der Sorgen und der vielen Arbeit habe ich mindestens zehn Pfund abgenommen. Meine langen braunen Haare habe ich zu einem lockeren Knoten zusammengebunden, während unter meinen grünen Augen dunkle Schatten liegen. Ich bin jetzt dreiundzwanzig Jahre alt und ich habe nicht die geringste Ahnung, wie meine Zukunft aussehen soll. Selbst wenn ein Wunder geschehen und mein Vater von heute auf morgen mit der Spielerei aufhören sollte, würde uns das wahrscheinlich auch nicht mehr retten. Trotz der Tatsache, dass er nie mit mir über seine Schulden spricht, habe ich das miese Gefühl, dass er mittlerweile so tief im Schuldensumpf feststeckt, dass es mir nicht mehr gelingen wird, seinen Hals zu retten. Erschöpft schließe ich meine Augen und schicke ein stummes Stoßgebet in den Himmel. Ich bin kein besonders gläubiger Mensch, ich bin ein Realist, doch wenn nicht bald ein verdammtes Wunder geschieht, weiß ich nicht mehr, wie es noch weitergehen soll.


1. Kapitel
Der dunkle Nachthimmel sieht aus wie schwarzer Samt, auf dem funkelnde Diamanten verteilt wurden. Eine leichte Windböe bläst mir durch die Haare, lässt mich erschaudern. Es ist Ende August, der Geruch von Herbst liegt in der Luft, während die eingefärbten Blätter der Bäume flüsternd rascheln. Nervös schließe ich meine Augen, lehne mich an die Hauswand und versuche die vielen Emotionen, die durch meine Venen pulsieren, zu ordnen. Eigentlich sollte ich jetzt nicht mit schnell schlagendem Herzen auf dem Parkplatz stehen und erwartungsvoll in die Stille der Nacht lauschen. Und dennoch tue ich es. Nervös und verängstigt warte ich auf das Dröhnen der Motoren und auf die hellen Scheinwerfer der Motorräder, die sich durch das nächtliche Schwarz fressen. Es wird nicht mehr lange dauern und dann wird Ace, der Präsident der Dead Riders, kommen, um mich zu holen ... Als vor knapp acht Wochen das erste Mal ein Dutzend Motorräder vor dem ‚Maggie’s‘ angehalten haben, habe ich mir noch nichts dabei gedacht, erst als ich das Wappen der Dead Riders auf ihren Kutten erkannt habe, ist mir vor Angst ganz schlecht geworden. Der brennende Totenkopf, der von zwei engelsgleichen Flügeln eingerahmt wird und der von einem blutigen Dolch aufgespießt wurde, ist unverkennbar. Der MC Dead Riders ist jedem im County ein Begriff. Von SeaTac bis Seattle weiß jeder Mensch, wer und vor allem was die Dead Riders sind. Ihr Revier erstreckt sich bis zum Mount-Rainier-Nationalpark. Auch hier in SeaTac ist es kein Geheimnis, dass die Dead Riders das Sagen haben. Doch meine Angst war unbegründet. Weder haben sie eine Schießerei angefangen noch unsere Kneipe in Schutt und Asche gelegt. Die großen, breitschultrigen Kerle setzten sich nur an die Bar, sahen sich genauer um und bestellten sich eine Flasche Jacky. Ihre Präsenz war unglaublich, alleine mit ihrer Anwesenheit haben sie alle anderen dominiert. Das abgewetzte Leder ihrer Kutten und der Geruch von Motoröl und Schießpulver, den sie verbreitet haben, war nicht das Beängstigendste. Es waren ihre eindringlichen Blicke, die mich bis in den Traum verfolgten ... Ich bin nicht naiv, mir war klar, dass ihr Besuch einen Grund hatte. Jetzt, acht Wochen später, weiß ich auch, dass sie wegen der Spielschulden meines Vaters gekommen waren, doch damals habe ich das einfach nicht verstanden. Vielleicht war ich mit der Situation einfach überfordert, oder vielleicht lag es an den silbernen Augen, die sich in meine Haut gebrannt haben. Der Besitzer dieser Augen ist mehr als furchteinflößend. Seine langen schwarzen Haare in Kombination mit den dunklen Bartstoppeln, die sein markantes Gesicht zieren, lassen ihn diabolisch aussehen. Ich weiß nicht genau, wie alt er ist, aber seine grauen Augen wirken alt und allwissend. So als hätten sie auf dieser Welt schon viel zu viel Leid und Schmerz gesehen ... Sein Patch ist alt und abgewetzt. Auf der Höhe seiner linken Brust trägt er einen EinProzent-Aufnäher, während die rechte Seite mit dem Wort Präsident versehen ist.
 An seinem linken Arm befindet sich ein Patch, das wie eine Spielkarte aussieht. Das Zeichen des Pik-Ass wird von einem Totenkopf ausgefüllt. Rauch schlängelt sich von der Pik-Spitze nach oben, während im rechten unteren Eck ein verschwommenes A zu erkennen ist. Eigentlich hätte mich spätestens dieser Anblick aufschrecken lassen sollen, immerhin hat das Patch eine erschreckende Ähnlichkeit mit der Spielkarte, die an die Eingangstüre gespießt wurde. Aber aufgrund der Angst und der Unsicherheit hat mein überfordertes Gehirn damals noch keine Verbindung hergestellt. Die großen, kraftvollen Hände des Mannes münden in muskulösen Armen. An seinen Fingern trägt er ungewöhnlich viele Ringe, einer von ihnen ist ein schwarzer Totenkopf, der eine silberne Krone trägt – sehr merkwürdig.

Der Präsident ist ein furchteinflößender Mann – viel zu groß und viel zu kraftvoll. Sein breiter Rücken und sein muskulöser Nacken sind beeindruckend. Doch trotz der Tatsache, dass ich mich vor ihm fürchte, konnte ich schon damals meinen Blick einfach nicht von ihm abwenden – der Dämon hat mich in seinen Bann gezogen ... Den kompletten Abend über habe ich wirklich alles getan, um ihn nicht anzustarren, doch es ist mir nicht gelungen. Ich wollte meine Hände nach ihm ausstrecken, seine vollen Lippen berühren und mit meinen Fingerspitzen die Umrisse des ledernen Totenkopfs auf seinem Rücken nachzeichnen. Meine Sehnsucht danach, ihn zu berühren, hat mich noch mehr verängstigt, als ich es eh schon war. Nach knapp einer Stunde konnte ich nicht mehr. Mit zitternden Knien bin ich aus dem Schankraum geflüchtet, durch den Keller geeilt und habe mich auf dem Hinterhof versteckt. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich dort im Dunkeln auf dem Boden verbracht hatte, aber ich weiß noch, dass ich instinktiv wusste, dass sich mein Leben ab dieser Nacht unwiderruflich verändern würde. In den kommenden Wochen kamen die Rocker immer wieder. Mal waren sie zu zehnt, mal nur zu zweit, aber jedes Mal war der dämonische Präsident dabei. Völlig egal, womit ich beschäftigt war, ob hinter der Bar oder beim Austragen der bestellten Getränke, sein Blick ruhte immer auf mir. Seine Männer lachten und scherzten, tranken flaschenweise Whisky und wurden doch niemals wirklich betrunken. Es hat ganze fünf Besuche der Dead Riders gebraucht, bis sie endlich meinen Vater angetroffen haben. Bis zu diesem Augenblick konnte ich nur vermuten, dass sie wegen Billys Spielschulden da waren, doch als ich seine Reaktion auf die Rocker beobachten konnte, stand für mich fest, dass ich mit meiner Vermutung richtiglag. Schlagartig war alles klar! Mit einem Kopfnicken hatte mir mein Vater zu verstehen gegeben, dass ich ihn kurz mit den Rockern alleine lassen sollte. Es war schon sehr spät, genauer gesagt war es verdammt früh, denn vor den Fenstern ging bereits die Sonne auf. Mir war alles andere als wohl dabei, ihn mit diesen Kerlen alleine zu lassen, doch was blieb mir anderes übrig? Ganz davon abgesehen hätte meine Anwesenheit eh nichts gebracht.

Mit meinen 163 Zentimetern und den knapp sechzig Kilo, die ich auf die Waage bringe, bin ich für diese zwei Meter großen Kerle nichts anderes als eine kleine Fliege. Mit einem prüfenden Blick hat mich der Mann mit den silbernen Augen gemustert, ehe er sich zu einem seiner Männer umgedreht hat. „Ich will, dass du sie nicht aus den Augen lässt, Slide.“ Der dunkle Klang seiner Stimme ist über meine Haut gestrichen und hat meine Gehirnzellen völlig schachmatt gesetzt. Der Typ, der sich Slide nennt, stand auf, kam auf mich zu und hat mich nach draußen begleitet. Schweigend stand ich nun mit ihm an meiner Seite vor der Türe – es war der skurrilste Augenblick meines Lebens ... Mit heftig klopfendem Puls ließ ich meine Augen über sein Erscheinungsbild gleiten. Slide, welch ein komischer Name, stand völlig entspannt neben mir. Seine kraftvollen Beine steckten in einer ziemlich abgewetzten Lederhose. An manchen Stellen war das Leder so dünn, dass es schon leichte Risse hatte. An seinen Füßen trug er schwere Stiefel, während sein Oberkörper, wie sollte es auch anders sein, von seiner Lederkutte bedeckt wurde. Auf seiner rechten Brust befand sich ein blutroter Aufnäher, auf dem Vize stand. Gleich darüber das Ein-Prozent-Patch genau wie bei seinem Präsidenten. Auf seiner linken Seite prangte in weißer, eckiger Schrift ‚Dequiallo‘. Was das alles wohl zu bedeuten hat? Nervös biss ich auf meiner Unterlippe herum und hoffte, dass sie meinem Vater nicht alle Knochen brechen würden. Knapp eine halbe Stunde später kam Billy mit dem Präsidenten an seiner Seite zu uns raus. Sein Gesicht wirkte bedrückt, seine Haut war aschfahl. Doch zu meiner grenzenlosen Erleichterung konnte ich keine Verletzungen an ihm erkennen. „Wir müssen uns unterhalten, Amelie!“ Immer wenn mich mein Vater Amelie nennt, weiß ich, dass die Kacke am Dampfen ist. Für gewöhnlich nennt er mich einfach nur Amy. Panisch sah ich zu Ace, dem Präsidenten der Dead Riders, doch der unterhielt sich leise mit Slide. Gerade als ich meinen Kopf wieder abwenden wollte, sah er mich direkt an. Und was ich in den Tiefen seiner Augen erkennen konnte, ließ mich erschrocken zurückweichen. Reine unkontrollierbare Besitzgier – glühendes Verlangen und kontrollierte Wut. Blitzschnell schoss seine Hand vor, er umfasste meinen Oberarm und zog mich zu sich. Mit schnellen Schritten führte er mich immer weiter in Richtung seines Bikes. Die große schwarze Maschine wirkte auf mich wie ein Ungetüm aus Stahl und Chrom. Der breite lederne Sattel war genauso abgewetzt wie seine Kutte. Der Rest des Bikes glänzte in der aufgehenden Sonne. Wie es sich wohl anfühlen muss, mit weit gespreizten Beinen hinter diesem Mann zu sitzen? „Hör mir zu, Zuckerpuppe!“ Sein eindringlicher Blick bohrte sich tief in meine Augen, seine Finger gruben sich schmerzhaft in meinen Arm. „Dein Vater wird dir gleich eine Geschichte erzählen und dir einen Vorschlag unterbreiten. Ich will, dass du weißt, dass du die Wahl hast. Du bist nicht schuld an seinem Versagen, es ist also auch nicht deine Aufgabe, für ihn geradezustehen!“
 Wovon zur Hölle redet er da nur? „Ich weiß nicht, was du meinst!“ „Er wird es dir erklären.“ Seine Worte waren ein Knurren, sein Körper strahlte eine mühsam kontrollierte Wut aus. Damals habe ich nicht sofort kapiert, was los war, jetzt im Nachhinein frage ich mich oft, wie ich nur so dumm und naiv sein konnte. Noch bevor ich in dieser verhängnisvollen Nacht verstanden hatte, was der Präsident der Dead Riders von mir wollte, zog er mich an sich, schlang mir seine Arme um die Taille und presste seinen Mund grob auf den meinen. Im ersten Augenblick war ich wie erstarrt, dann stemmte ich meine Hände gegen seine Schultern – vergebens. Wenige Atemzüge später wurde sein Kuss zärtlicher, seine Zunge wühlte sich durch meinen Mund, schlang sich um die meine und saugte sachte an ihr. Der Kontrast zwischen seiner wütenden Eroberung und seinem plötzlich zärtlichen Zungenspiel überraschte mich. Ich wollte ihm widerstehen, wollte mich gegen ihn wehren, doch ich verlor den Kampf und gab mich ihm hin. Sein köstlicher Geruch von Motoröl, Seife und Schießpulver raubte mir den Verstand. Ich schmolz in seinen starken Armen geradezu dahin, es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis er mich endlich wieder freigegeben hatte. Atemlos und zutiefst verwirrt öffnete ich meine Augen und sah ihn direkt an. Seine silberne Iris war schwarz vor unterdrücktem Verlangen, sein Körper war angespannt und hart wie Stahl. „Jetzt weißt du, was dich erwartet!“ Mit diesen Worten drehte er sich um, stieg auf sein Bike, schob mit seinem Fuß den Ständer weg und startete mit einem kraftvollen Tritt den Motor. Zutiefst verwirrt ließ er mich im Staub seines Hinterrads stehen. Was zur Hölle war das denn? „Jetzt weißt du, was dich erwartet!“ Seine Stimme hallte durch meinen Kopf – ich verstand kein Wort. Urplötzlich standen die restlichen Dead Riders neben mir, alle setzten sich auf ihre Bikes und verschwanden in der immer heller werdenden Dämmerung. Trotz der Tatsache, dass ich völlig durcheinander war, ging es mir zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch ganz gut, meine Welt ist erst fünf Minuten später, bei dem Gespräch mit meinem Vater, zusammengebrochen ... Mir war seit Monaten klar, dass sich mein Vater irgendwo anders Geld geliehen haben musste. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass er sich in seiner Verzweiflung an die Dead Riders gewendet hat. Jetzt weiß ich, dass er 250.000 Dollar Schulden bei dem gefürchtetsten MC des Landes hat. Und ich weiß auch, dass ich Ace, dem unheimlichen Präsidenten, diese unfassbar hohe Summe wert bin.



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